Moderner FDM-Druck im Engineering: Von Prototypen zu belastbaren Funktionsteilen
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FDM/FFF-3D-Druck hat in den letzten Jahren – und spürbar auch in den letzten Monaten – einen Professionalisierungssprung gemacht: Was früher oft nach „sichtbar geschichteten“ PLA/ABS-Prototypen aussah, ist heute in vielen Fällen ein industriell wirkendes Funktionsteil. Oberfläche, Maßhaltigkeit, Prozessstabilität (Trocknung, Temperaturführung, Sensorik) und vor allem die Werkstoffpalette haben sich so stark weiterentwickelt, dass FDM-Bauteile für zahlreiche Anwendungen eine echte Alternative zu gefrästen oder gegossenen Teilen geworden sind.
Ein zentraler Punkt: Die klassische FDM-Anisotropie lässt sich inzwischen deutlich reduzieren. Durch bessere Temperaturführung (Gehäuse/Chamber), optimierte Polymere, Faserfüllstoffe, Prozessprofile und Post-Processing (z. B. Annealing) rücken die Eigenschaften zwischen den Achsen näher zusammen – viele Bauteile verhalten sich im praktischen Einsatz „quasi isotrop“, auch wenn die Baurichtung (insbesondere Z) weiterhin eine wesentliche Design- und Auslegungsgröße bleibt. Studien zu Onyx zeigen z. B. je nach Orientierung/Positionierung deutliche Effekte, während die Abweichung innerhalb der Plattform-Orientierungswinkel teils relativ klein ausfallen kann.
Material-Realität: „Engineering Filaments“ statt Bastelkunststoff
Der größte Hebel für „professionell“ ist heute nicht nur die Maschine – sondern das Materialsystem:
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CF-verstärkte Copolymere (PETG-CF) liefern gute Oberflächen, geringe Schwindung, bessere Steifigkeit und robuste Prozessfenster.
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CF-verstärkte Polyamide (PA12-CF, PA6-CF) bringen das, was man früher FDM kaum zugetraut hätte: hohe Festigkeit/Steifigkeit, brauchbare Temperaturbeständigkeit und funktionale Bauteile in Richtung „Leichtbau-Metall-Ersatz“ (bei passender Geometrieauslegung und Lastfall).
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Spezial-PLA-Varianten wie „Aero/Lightweight-PLA“ nutzen Foaming-Effekte für niedrige Bauteildichte (z. B. UAV/Modellbau), sind aber thermisch weiterhin PLA-typisch limitiert.
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Komposit-Basismaterialien wie Onyx (nylonbasiert, mikro-CF-gefüllt) sind für viele Vorrichtungen/Tools eine etablierte „Werkstatt-Währung“ – mit starker Wärmeformbeständigkeit im Vergleich zu Standard-Thermoplasten.
| Material | UV-Stabilität(Tendenz) | Festigkeit(Zug, MPa · Best-Case) | Steifigkeit(E-Modul, GPa · Best-Case) | Dichte(g/cm³) | Feuchtigkeitsaufnahme(% m/m) | Temperaturstabilität(HDT @0,45 MPa, °C) |
|---|---|---|---|---|---|---|
| PETG-CF | mittel–gut (ggf. UV-stabilisiert) | ≈ 51 | ≈ 3,38 | ≈ 1,26 | ≈ 0,30 | ≈ 81 |
| PA12-CF | mittel (stark abhängig von Additiven) | ≈ 77 | ≈ 3,31 | ≈ 1,06 | ≈ 1,5 (Equilibrium) | ≈ 131 |
| PA6-CF | eher gering–mittel (Additive/Coating empfohlen) | ≈ 105 | ≈ 7,45 | ≈ 1,17 | ≈ 3,33 (Equilibrium) | ≈ 215 |
| Aero-PLA (foaming) | mittel (PLA: UV oft ok, Wärme limitierend) | ≈ 26 | ≈ 1,67 | 1,21 (Filament) Bauteil: deutlich geringer durch Foaming |
≈ 0,48 | ≈ 54 |
| Onyx | mittel (nylonbasiert; Außenanwendung i. d. R. schützen) | ≈ 40 (Yield) | ≈ 2,4 | ≈ 1,2 (nominal) | ≈ 2–3 | ≈ 145 |
Hinweis: Herstellerneutrale, praxisnahe Obergrenzen (Best-Case). Reale Werte hängen stark von Druckprofil, Bauteilgeometrie, Orientierung (XY vs. Z), Trocknung und ggf. Annealing ab.
Ausblick: Spezialanwendungen, die heute „einfach gehen“
1) Flexible Bauteile mit TPU (Dichtungen, Schutz, Greifer-Pads, Kabelschutz)
TPU ist inzwischen im Alltag angekommen – von Schutzkappen bis hin zu funktionalen Dicht-/Dämpfungselementen. Typische Shore-Härtebereiche im FDM-Umfeld liegen häufig bei 85A–95A
2) Tribofilamente für Gleitlager & Verschleißteile (z. B. igus iglidur®)
Eine der spannendsten Entwicklungen sind Tribofilamente (mit Festschmierstoff-Systemen), die FDM-gedruckte Gleitlager, Führungen oder verschleißbeanspruchte Teile ermöglichen. igus beschreibt für iglidur-Tribo-Filamente u. a. sehr hohe Abriebfestigkeit und niedrige Reibwerte.
Fazit
Moderner FDM-3D-Druck ist heute ein Engineering-Werkzeug, nicht mehr nur Prototyping-Spielerei. CF-verstärkte Polyamide liefern Festigkeiten und Steifigkeiten, die in geeigneten Anwendungen erstaunlich nahe an „klassische“ Leichtbau-Metalllösungen herankommen – mit dem Bonus aus Designfreiheit und schneller Iteration. Gleichzeitig entstehen durch TPU und Tribofilamente völlig neue Bauteilklassen (flexibel, gleitend, verschleißoptimiert), die in konventionellen Fertigungsprozessen oft deutlich aufwendiger wären.